FAQs zum Thema „predatory publishing“

Was bedeutet „predatory publishing“?

„Predatory Journals“ und „Predatory Conference Organisers“ sind negative Erscheinungen des wissenschaftlichen Publikations- und Kommunikationssystems, die in den letzten Jahren zugenommen haben.

Bei „Predatory Journals“ handelt es sich um Zeitschriften, die Forschende mit aggressiver Werbung und professionellem Auftreten zur Veröffentlichung von Beiträgen gegen Zahlung einer Publikationsgebühr auffordern, jedoch keinerlei oder völlig unzureichende Maßnahmen der Qualitätssicherung organisieren.

Ähnliche Aktivitäten verfolgen „Predatory Conference Organisers“, die unseriöse Konferenzen organisieren und Forschende zur Beteiligung und Teilnahme an diesen Veranstaltungen auffordern.

Diese Akteure versuchen mit Massen-E-Mails Einreichungen zu akquirieren. Teilweise sind diese E-Mails personalisiert und beziehen sich auf bereits erfolgte Publikationen einer Person. Da die E-Mail-Adressen bei wissenschaftlichen Beiträgen meist angegeben werden, ist die Nutzung der E-Mail-Adressen für die „Predatory Journals“ und „Predatory Conference Organisers“ einfach möglich.

Der Begriff „Predatory Journals“ wurde insbesondere durch den Bibliothekar Jeffrey Beall geprägt, der bis Anfang 2017 ein Blog mit einer Liste mit, aus seiner Sicht, kritischen Verlagen und Zeitschriften betrieb. Aufgrund fehlender transparenter Kriterien der Bewertung der Verlage und Zeitschriften war diese sogenannte „Beall's List“ umstritten.

Eine umfangreiche Studie von Shen und Björk (2015) beschreibt das Phänomen umfassend. Auszug:

„Over the studied period, predatory journals have rapidly increased their publication volumes from 53,000 in 2010 to an estimated 420,000 articles in 2014, published by around 8,000 active journals. Early on, publishers with more than 100 journals dominated the market, but since 2012 publishers in the 10–99 journal size category have captured the largest market share. The regional distribution of both the publisher’s country and authorship is highly skewed, in particular Asia and Africa contributed three quarters of authors. Authors paid an average article processing charge of 178 USD per article for articles typically published within 2 to 3 months of submission.“

Wie kann man sich gegen das „predatory publishing“ schützen?

Eine Publikationsentscheidung sollte immer eine überlegte und informierte Entscheidung sein. Die Initiative „Think Check Submit“, die durch Verlags- und Bibliotheksverbände unterstützt wird, gibt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine hilfreiche Checkliste an die Hand, mit der die Vertrauenswürdigkeit und Seriosität einer wissenschaftlichen Zeitschrift überprüft werden kann. Diese dreistufige Anleitung „Think Check Submit“ wurde in zahlreiche Sprachen, unter anderem auch ins Deutsche übersetzt. Im Folgenden werden einige zentrale Prüfkriterien der Initiative zitiert:

  • „Kennen Sie oder Ihre Kolleg/innen die Zeitschrift?“
    • „Haben Sie in der Vergangenheit Artikel in der Zeitschrift gelesen?“
    • „Können Sie die aktuellsten Artikel in der Zeitschrift einfach finden?“
  • „Können Sie den Verlag einfach identifizieren und kontaktieren?“
    • „Wird der Verlagsname deutlich auf der Homepage der Zeitschrift angegeben?“
    • „Können Sie den Verlag per Telefon, E-Mail oder Post kontaktieren?“
  • „Macht die Zeitschrift klare Angaben zu ihrem Peer-Review-Verfahren?“
  • „Werden die Artikel in Datenbanken indiziert, die Sie selber nutzen?“
  • „Ist klar, welche Kosten anfallen werden?“
    • „Erläutert die Webseite der Zeitschrift, wofür Zahlungen anfallen und wann diese in Rechnung gestellt werden?“
  • „Erkennen Sie das Editorial Board?“
    • „Haben Sie von den Mitgliedern des Editorial Boards schon einmal gehört?“
    • „Geben die Mitglieder des Boards die Tätigkeit für die Zeitschrift auf ihren eigenen Webseiten an?“
  • „Ist der Verlag Mitglied einer anerkannten Initiative?“
    • „Gehört er dem Committee on Publication Ethics (COPE) an?“
    • „Wenn die Zeitschrift Open Access ist: Ist sie im Directory of Open Access Journals (DOAJ) gelistet?“
    • „Wenn die Zeitschrift Open Access ist: Gehört der Verlag der Open Access Scholarly Publishers’ Association (OASPA) an?“

Falls diese und weitere genannte Fragen negativ beantwortet werden, sollte dringend von einer Einreichung Abstand genommen werden.

Bei der Wahl von Konferenzen können ähnliche Kriterien verwendet werden. Auch hier sollten der Veranstalter (z. B. die Fachgesellschaft) der Konferenz sowie weitere beteiligte Personen (Chairs etc.) in der Fachcommunity bekannt sein. Ist dies nicht der Fall, sollte dringend von einer Einreichung Abstand genommen werden.

Ist eine Veröffentlichung in einem „Predatory Journal“ oder bei einem „Predatory Conference Organiser“ eine schlechte Veröffentlichung?

Die Qualität eines wissenschaftlichen Aufsatzes oder eines Konferenzbeitrags kann immer nur Anhand der einzelnen Veröffentlichung beurteilt werden. In den naturwissenschaftlichen, lebenswissenschaftlichen und technischen Fachbereichen sorgen Verfahren des „Peer Reviews“ für die Qualitätssicherung eines Beitrags.

Diese Verfahren haben sich seit dem 17. Jahrhundert im Rahmen der wissenschaftlichen Selbstorganisation entwickelt. Dabei begutachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Beiträge anderer Forschender. Die Organisation dieser Prozesse wird von Verlagen oder Konferenzveranstaltern übernommen. Beiträge werden bei entsprechender Qualität sofort akzeptiert, andere Beiträge müssen auf Basis von Gutachten überarbeitet werden oder werden abgelehnt. Ob ein Beitrag von einem Journal oder einer Konferenz akzeptiert wird, hängt – über die Qualität hinaus – auch von dem Fokus einer Zeitschrift oder einer Konferenz ab.

Wird ein Beitrag ohne eine solche Qualitätssicherung veröffentlicht, bedeutet dies nicht automatisch, dass der Beitrag ein unwissenschaftlicher Beitrag ist. Es muss immer der einzelne Fall betrachtet werden. Allerdings erfüllen die Veröffentlichungskriterien nicht die Standards, die eine seriöse wissenschaftliche Zeitschrift erfüllen sollte.

Was hat die aktuelle Medien-Recherche ergeben?

Nach eigenen Angaben recherchieren einige Medien wie ARD und Süddeutsche Zeitung seit einigen Monaten zu dem Thema „predatory publishing“. Bei dieser Recherche sollen von Journalistinnen und Journalisten „Nonsens“-Beiträge bei diversen unseriösen Konferenzen und Journals eingereicht worden sein. Diese „Nonsens“-Beiträge wurden, so die bisherigen Informationen, angenommen und veröffentlicht.

Auch wurde wohl eine Recherche über die Webseiten verschiedener „Raubverlage“ durchgeführt, um Autorinnen und Autoren zu identifizieren, die z. B. an wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland tätig sind, und von diesen „Raubverlagen“ getäuscht wurden.

Bei der Bewertung ist auch zu berücksichtigen, dass einige zentrale und etablierte Fachdatenbanken einzelne Zeitschriften dieser problematischen Verlage in der Vergangenheit indexiert hatten. So wurden z. B. Zeitschriften des Verlages „OMICS Group Inc“ bis in das Jahr 2014 von Pubmed Central und bis in das Jahr 2017 von SCOPUS indexiert. Die Indexierung in den beiden genannten Datenbanken gilt in der Wissenschaft aufgrund der Aufnahmekriterien dieser Datenbanken als Qualitätsmerkmal.

Die „OMICS Group Inc“ wird in den USA von der Federal Trade Commission (FTC) der Täuschung bezichtigt. Im Rahmen eines Prozess vor einem Bundesgericht wurde gegen den Verlag Ende 2017 eine einstweilige Verfügung wegen seines problematischen Geschäftsgebarens erlassen.

Laut Recherche wurden auch der Helmholtz-Gemeinschaft zuzuordnende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von diesen „Raubverlagen“ getäuscht. Von den uns mitgeteilten Fällen, haben sich viele als nicht zutreffend erwiesen. Zudem ist die Gesamtzahl der genannten Publikationen bzw. der genannten Autorinnen und Autoren äußerst gering. Hierzu hat der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft am 19.07.2018 Stellung genommen. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen hat sich die Helmholtz-Gemeinschaft am 25.07.2018 in einem Statement zur Qualitätssicherung von wissenschaftlichen Veröffentlichungen geäußert.

Was unternehmen wissenschaftliche Einrichtungen gegen das „predatory publishing“?

Publikationsrichtlinien als Gegenmaßnahme

Viele wissenschaftliche Einrichtungen, so auch die Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft, haben Publikationsrichtlinien erlassen. In diesen sind Standards wie z. B. Freigabeprozesse für Publikationen festgelegt. Darüber hinaus geben die „Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“, die durch Arbeitsverträge und Förderauflagen in der Wissenschaft verankert sind, Leit- und Handlungslinien vor, die sich auch auf den Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen erstrecken.

Kriterien zum Umgang mit Publikationsgebühren als Gegenmaßnahme

Im Kontext von Open Access sind an vielen wissenschaftlichen Einrichtungen, so auch an den  Helmholtz-Zentren, sogenannte Open-Access-Publikationsfonds entstanden. Diese Fonds liegen in der Verantwortung von Bibliotheken und dienen, über die Mittelverwaltung hinaus, der Steuerung der Transformation hin zu Open Access. Als Leitlinien für den Betrieb dieser Publikationsfonds wurden in der Helmholtz-Gemeinschaft „Kriterien zum Betrieb von Open-Access-Publikationsfonds“ formuliert. In diesen wird das Thema der Qualitätssicherung an mehreren Stellen adressiert. U. a. heißt es dort:

  • „Die Qualität der Zeitschrift muss durch die im jeweiligen Fach anerkannten Qualitätssicherungsverfahren gesichert sein.“
  • „Die Zeitschrift sollte im Directory of Open Access Journals (DOAJ) gelistet sein.“
  • „Falls die Publikation in einem kommerziell arbeitenden Verlag erscheint, sollte dieser Mitglied in der Open Access Scholarly Publishers Association (OASPA) sein und deren Kriterien entsprechen.“

Werden diese Leitlinien berücksichtigt, kann davon ausgegangen werden, dass die Wahrscheinlichkeit das eine Täuschung durch ein „predatory journal“ eintritt, sehr gering. Da jedoch nicht alle wissenschaftlichen Einrichtungen solche zentralen Open-Access-Publikationsfonds etabliert haben und darüber hinaus auch Förderorganisationen Mittel für Publikationsgebühren bereitstellen, kann es in der Praxis schwierig sein jeden Aufsatz oder Konferenzbeitrag vor der Einreichung zu erfassen und Forschende auf ggf. problematische Verlage hinzuweisen. 

Evaluierungskriterien als Gegenmaßnahme

In der Helmholtz-Gemeinschaft werden im Rahmen der Begutachtung der sogenannten programmorientierten Förderung (POF) nur Aufsätze/Konferenzbeiträge erfasst, die in den Datenbanken „Web of Science“ (Clarivate) und „Scopus“ (Elsevier) indexiert sind.

Die Aufnahmekriterien der beiden Datenbanken sind nicht immer transparent, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Betreiber dieser beiden zentralen Datenbanken die Publikationsorgane vor der Entscheidung über eine Indexierung – gerade mit Blick auf Qualitätssicherung – ihrer Aufsätze/Konferenzbeiträge prüfen.

Angemerkt werden muss jedoch, dass einige Zeitschriften der „OMICS Group Inc“ bis ins Jahr 2017 in SCOPUS indexiert wurden. Siehe dazu „Was hat die aktuelle Medien-Recherche ergeben?“

Beratung und Aufklärung als Gegenmaßnahme

An den Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft beraten z. B. die Helmholtz-Bibliotheken und das Helmholtz Open Science Koordinationsbüro über das Thema „predatory publishing“. Ob in Kursen für Doktorandinnen und Doktoranden, bei der Verwaltung von Publikationsgebühren oder auf Webseiten – es wird auf vielen Ebenen die Bewusstseinsbildung für das Thema betrieben.

E-Mail-Filterung als Gegenmaßnahme

An einigen wissenschaftlichen Einrichtungen, auch der Helmholtz-Gemeinschaft, sind die Domains der „Raubverlage“ in sogenannten Blacklists gelistet. In der Praxis landen diese E-Mails dann direkt im Spam-Ordner eines E-Mail-Postfaches.

Hat „predatory publishing“ etwas mit Open Access zu tun?

Die Raubverlage stützen sich auf das Publikationsgebühren-basierte Geschäftsmodell, das auch von vielen Open-Access-Zeitschriften genutzt wird. Bei einer qualitätsgesicherten Open-Access-Zeitschrift wird diese Gebühr jedoch erst nach der Entscheidung über die Annahme einer Publikation auf Basis der Ergebnisse der Peer-Review-Verfahrens erhoben.

Die aktuelle Recherche zeigt nicht, dass es im Bereich der Open-Access-Zeitschriften allgemein ein Problem der Qualitätssicherung gibt. Auch der häufig zitierte „sting“ von Bohannon in Science im Jahr 2013 konnte, aufgrund einer fehlenden Kontrollgruppe, nicht feststellen, dass es im Bereich der Open-Access-Zeitschriften ein größeres Problem mit der Qualitätssicherung gibt, als im Bereich von Subskriptionszeitschriften. Auch waren die damaligen Ergebnisse der Bohannon-Studie wenig überraschend, da das „Fake-Paper“ von Bohannon bei 121 Zeitschriften eingereicht wurde, die sich bereits auf der „Schwarzen Liste“ des US-Bibliothekars Beall befanden. Die damalige Studie, wie auch die jetzige Medienrecherche zeigen, dass es ein Problem mit „Raubverlagen“ gibt, für das es weiter zu sensibilisieren gilt.

Eine umfangreiche Studie von Müller aus dem Jahr 2009 hat gezeigt, dass „die meisten Open-Access-Zeitschriften Peer-Review-Verfahren einsetzen“. Einige Open-Access-Verlage nutzen die Vorteile des offenen Publizierens, um neue und offene Verfahren der Qualitätssicherung einzusetzen. Diese werden unter dem Begriff „Open Peer Review“ diskutiert. Dabei werden z. B. die Artikel offen begutachtet, um möglichst vielen Personen die Möglichkeit der Kritik zu geben.   

Der lesenswerte Blog „Retraction Watch“ zeigt, dass vielfältige Diskussionen um die Qualitätssicherung einer Veröffentlichung in der Wissenschaft unabhängig von der Veröffentlichung in einer Open-Access-Zeitschrift oder einer Subskriptionszeitschrift stattfinden. Auch bei renommierten Subskriptionszeitschriften wie Nature und Science werden immer wieder Artikel aufgrund von festgestellten Mängeln zurückgezogen. Auch renommierte Verlage wie z. B. Elsevier mussten in der Vergangenheit ganze Subskriptionszeitschriften aufgrund von Qualitätsproblemen einstellen.